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Stellungnahme der Fan- und Förderabteilung zu den Vorkommnissen in Karlsruhe und der Reaktion des Vorstands der Eintracht Frankfurt Fußball AG

Aus der Fanszene
28.02.2009 um 09:21
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Die Vorkommnisse beim Spiel unserer Eintracht in Karlsruhe und die Erklärung des Vorstands der Eintracht Frankfurt Fußball AG vom 24.02.2009 bewegen in diesen Tagen die Gemüter aller Eintrachtfans. Es stellt vermutlich keine allzu große Übertreibung dar, wenn man festhält, dass derzeit die Zukunft der in Frankfurt gewachsenen Fankultur auf dem Spiel steht.

Natürlich will und wird sich die Fan- und Förderabteilung bemühen, gestaltend in diesen Prozess einzugreifen. Wir sehen es als absolut notwendig an, dass sich alle Seiten und Beteiligte – ob sie nun als Fan die Heim- und insbesondere Auswärtsspiele der Eintracht besuchen oder als Verantwortliche bei der Eintracht Frankfurt Fußball AG tätig sind – nicht von der Eigendynamik der Ereignisse seit dem Karlsruhe-Spiel überrollen lassen. Sondern ruhig und besonnen analysieren, wo welche Versäumnisse liegen und wie diesen adäquat zu begegnen ist. Und bei alledem nicht vergessen, was auf dem Spiel steht und was es im Sinne und im Interesse von Eintracht Frankfurt unbedingt zu bewahren gilt.


Zu Böllern und Leuchtraketen

Auf der Seite der Fans halten wir eine umfassende Ächtung insbesondere des Einsatzes von Böllern und Leuchtraketen für unerlässlich und überfällig. Man muss sich bewusst machen: Es ist eine gefährliche Verharmlosung, wenn Böller und Leuchtraketen stets unter dem Oberbegriff „Pyrotechnik“ und in einem Atemzug mit Rauchpulver oder Bengalos genannt werden.

Zur Pyrotechnik allgemein nehmen wir weiter unten Stellung. Vorab sei jedoch aus gegebenem Anlass vorangestellt:

Zu Böllern und Leuchtraketen kann es keine zwei Meinungen geben: Sie haben im Stadion absolut gar nichts zu suchen. Sie dienen weder dem Support der eigenen Mannschaft noch tragen sie irgendetwas zum Erscheinungsbild der Kurve bei. Der Einsatz von Böllern im Stadion hat praktisch zwangsläufig Verletzte zur Folge (je lauter, desto „sicherer“ eine Verletzung Unbeteiligter). Wer einen solchen Böller anzündet, muss ihn gleich darauf fortwerfen (sonst explodiert er in der Hand, mit schwersten Verletzungsfolgen).

Dummerweise gibt es aber in Wurfweite der Zuschauerränge keinen Ort, wo ein solcher Böller „gefahrlos“ explodieren könnte. Wer einen solchen Böller anzündet und wirft, muss also zwangsläufig davon ausgehen, andere zu verletzen: entweder Fans, wenn der Böller noch im Block landet (wie bspw. bei unserem Spiel in Bröndby), oder ansonsten Fotografen bzw. Stadionbedienstete (so wie der Ordner bei uns durch die Böller aus dem Nürnberg-Block) oder Spieler (man denke an Georg Koch).
 

Auch für jeden Fan gilt: Wer Böller inmitten einer Menschenmenge anzündet und wirft, handelt kriminell und nimmt bewusst schwere Verletzungen Dritter in Kauf. Und das durch eine Handlung, die beim besten Willen nichts mit „Support“ oder dem Erscheinungsbild der Kurve zu tun hat. Hier ist es Aufgabe aller Fans, diesem Schwachsinn – sollte er einem irgendwo begegnen – energisch entgegen zu treten.

Nichts anderes gilt auch für Leuchtraketen, die unkontrolliert und unkontrollierbar aufs Spielfeld oder in andere Zuschauerblöcke geschossen werden. Schon aus Sicherheitsgründen wird hier immer eine Spielunterbrechung erfolgen – und eine erhebliche Bestrafung der Eintracht durch den DFB. Wenn jemand getroffen wird (was derjenige, der die Leuchtrakete oder Leuchtspurmunition abschießt, kaum beeinflussen kann), drohen schwerste Verbrennungen und Verletzungen.

Insofern sind Böller und Leuchtraketen noch eine deutliche Stufe gefährlicher und ihr Einsatz noch eine Stufe unverständlicher als der von anderen – gleichwohl verbotenen und ebenfalls gefährlichen – Pyroartikeln.

Allgemein zur Verwendung von Pyrotechnik im Stadion möchten wir sagen:

Wir wissen alle, dass Pyrotechnik generell verboten ist und ihr Einsatz im Stadion zwangsläufig zu hohen Strafen für den Verein (die nicht ewig „nur“ Geldstrafen sein müssen, sondern auch einmal Punktabzüge oder „Geisterspiele“ bedeuten könnten) führt und im Falle der Ermittlung eines Täters schwere persönliche Konsequenzen für diesen haben kann (langjähriges Stadionverbot, Vorstrafe, Schadenersatzansprüche, die in die Tausende gehen). „Nomalerweise“, so sollte man glauben, müsste dieses Wissen ausreichen, damit alle Fans dauerhaft auf Pyrotechnik verzichten.

Wir wissen aber auch, dass dem nicht immer so ist. Bei einigen herrscht trotz allem – scheinbar unausrottbar – nach wie vor die Grundauffassung, dass Bengalos, feuerrot leuchtende Ränge und Rauchschwaden „eigentlich“ ein legitimes bzw. wünschenswertes Mittel der Inszenierung einer Kurve seien. Dass Pyrotechnik, zumal bei brisanten Spielen bzw. Derbys, irgendwie dazu gehöre.

Wir können nur an alle Fans appellieren, diesen Irrglauben zu überwinden. Und wem der Schaden, der Eintracht Frankfurt entsteht und die schweren Konsequenzen, die einem „erwischten Täter“ drohen, noch nicht Argument genug sind, der möge sich zudem vergegenwärtigen: Auf jede „Pyroshow“ folgt immer ein Anziehen der Repressionsschraube.
Alle „Hardliner“ dieser Welt nutzen jede Pyroshow, um härtere Sanktionen vorzuschlagen und durchzusetzen. Die Böllerwürfe aus der Nürnberger Fankurve bei ihrem letzten Spiel in Frankfurt sowie eine „Pyroshow“ der Gladbacher bei deren Derby in Köln hatte bspw. die Innenministerkonferenz zum Anlass einer Resolution genommen, die vom DFB sogar die Rücknahme der gerade in Kraft gesetzten Reform der Stadionverbotsrichtlinien forderte! Die Vereinigung der Stadionbetreiber nahm dieselben Vorfälle zum Anlass, gleich öffentlich die Abschaffung der Stehplätze zu fordern!
 

Es sollte jedem bewusst sein: Je mehr in Stadien gezündelt wird, umso mehr Auftrieb erhalten jene Kräfte, die Fanrechte beschneiden und Fankultur zerstören wollen. Jede Pyroshow erschwert daher die Arbeit derjenigen, die sich – wie die FuFA – für den Erhalt der Fanrechte und Fankultur einsetzen.

Außerdem gilt es ein weiteres zu bedenken: „Fankultur“ kann nicht nur durch äußere Einflüsse zerstört werden (wenn die „Hardliner“ gewinnen), sondern auch von innen heraus kaputt gehen.

Es gehörte bislang zu den großen Stärken der Frankfurter Fanszene, dass hier (verglichen mit anderen Vereinen) allen internen Zwistigkeiten zum Trotz in den wesentlichen Fragen eine große Einigkeit und ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl herrschen. In den wichtigen Fragen ziehen alle an einem Strang. Auch dies dürfte dazu beigetragen haben, dass einige der schlimmsten Auswüchse der Kommerzialisierung in Frankfurt noch nicht Fuß gefasst haben und dass bspw. nach Vorfällen wie jenen in Bremen insgesamt eine starke Antwort von Eintracht Frankfurt kommt, und zwar von allen Fans und Fangruppen, der FuFA und selbst der AG.

Man muss jedoch aufpassen, dass dieser notwendige und positive Grundkonsens innerhalb der Fanszene nicht ohne Not von innen heraus aufgekündigt wird. Jede Aktion, die nur von einer Minderheit befürwortet und „durchgezogen“ wird, deren Folgen aber alle treffen, erschüttert diesen Grundkonsens in seinem Fundament. Wer ohne jedes Gespür für die „politische Großwetterlage“ einfach nur sein Ding durchzieht, wird irgendwann nicht mehr auf die Solidarität der anderen bauen können. Fasst man die Reaktion auf die Vorkommnisse in Karlsruhe zusammen, scheint dieser Tag nicht mehr weit entfernt zu sein.

Wem am Erhalt der Frankfurter Fanszene und an der Wahrung von Fankultur bei der Eintracht gelegen ist, muss wohl oder übel dauerhaft auf Pyrotechnik bei Eintrachtspielen verzichten. Auswärts genauso wie (hier klappt das ja schon jahrelang) zu Hause. In diesem Sinne muss Karlsruhe für das Thema „Pyro bei Auswärtsspielen“ das werden, was vor Jahren Oberhausen zum Thema „Pyro bei Heimspielen“ war: eine Zäsur, ein Endpunkt, der zu der allseitigen Einsicht führte: es geht nicht mehr.

Soweit an dieser Stelle zu notwendigen Überlegungen und Prozessen, die innerhalb unserer Fanszene stattfinden müssen, und die wir als Fan- und Förderabteilung im Rahmen unserer Möglichkeiten auch gerne durch Veranstaltungen, Gespräche etc. fördern wollen.

Zur Reaktion des Vorstands der Eintracht Frankfurt Fußball AG auf die Vorkommnisse von Karlsruhe

Die Pressemitteilung der Eintracht Frankfurt Fußball AG vom Dienstag, den 24.02.2009 mit der darin veröffentlichten Stellungnahme des Vorstandes zeigt uns aber auch einen Handlungsbedarf in anderer Richtung.
 

Vorab sei klargestellt: Oben haben wir von „Hardlinern“ und Kräften gesprochen, die Fanrechte beschneiden und Fankultur zerstören wollen. Wir wissen aus vielen Gesprächen und unserer langen guten Kooperation mit der Eintracht Frankfurt Fußball AG, dass wir zum Glück solche Hardliner weder im Vorstand noch bei den sonstigen Verantwortlichen der AG vorfinden.
Im Gegenteil: Wir wissen genau und schätzen es sehr, dass grundsätzlich auch der Eintracht Frankfurt Fußball AG an einer lebendigen Fankultur gelegen ist.

Gerade deshalb können wir die Reaktion des AG-Vorstands nicht kritiklos hinnehmen. Natürlich wissen auch wir, dass Eintracht Frankfurt in der Pflicht ist, alles ihr Mögliche zu tun, um Vorkommnisse wie in Karlsruhe zu verhindern. Aber bei allem Verständnis dafür, dass der AG-Vorstand es nun nicht nur bei Appellen belassen, sondern konkrete Maßnahmen ergreifen möchte: wir halten das am Dienstag beschlossene Maßnahmenpaket für unverhältnismäßig, für viel zu weit gehend und letztlich für kontraproduktiv.

Wer möchte, dass sich Fankultur auf die legalen und positiven Ausdrucksformen beschränkt, kann und darf nicht gerade diese verbieten. Gerade weil die neuen Regelungen nun alle Auswärtsfahrer treffen und betreffen (auch jene, die sich noch nie etwas zuschulden kommen ließen), müssen die Maßnahmen – wollen sie nicht nur als pure Kollektivstrafe oder Machtdemonstration erscheinen – in einem vernünftigen und nachvollziehbaren Zusammenhang mit den Verhaltensweisen stehen, die man damit verhindern will.

So mag man ein vorübergehendes (!) Verbot von Zaunfahnen etc. noch damit begründen können, dass in Karlsruhe das Rauchpulver hinter einer solchen Zaunfahne entzündet wurde. Inwieweit jedoch bspw. das Megaphon-Verbot künftigen Zündeleien vorbeugen soll, erschließt sich uns nicht.
Im Gegenteil: Gerade Martin Stein hat schon sehr oft in kritischen Situationen über das Megaphon beruhigend und deeskalierend auf die Kurve eingewirkt. Dass jemals irgendwelche illegalen Aktionen mit dem Megaphon vorbereitet, angekündigt oder koordiniert worden seien, hat noch nie jemand behauptet, noch nicht einmal der schlimmste Hardliner irgendeiner Polizeibehörde. Welchen Sicherheitsgewinn verspricht sich die Eintracht Frankfurt Fußball AG vom Megaphon-Verbot?

Ebenso führt die Entscheidung, Auswärtskarten künftig nur noch „personalisiert“ abzugeben, aus unserer Sicht zu keinerlei Sicherheitsgewinn. Täter werden entweder noch im Stadion beobachtet und sofort festgenommen, oder später durch die szenekundigen Beamten auf Videoaufnahmen identifiziert. Ob die AG zusätzlich über Namen und Anschrift aller Auswärtsfahrer verfügt, ist dabei völlig ohne Belang. Im Übrigen dürften fast alle Fans, die regelmäßig auswärts fahren, auch Inhaber einer Dauerkarte und zukünftig möglicherweise der Fanclub-Card sein. Irgendwo im großen Datenwust der AG tauchen diese Namen also ohnehin schon auf.
 

Und schließlich sei durchaus die Frage erlaubt: Was hätte die AG denn jetzt gemacht, wenn die Regelung schon in Kraft gewesen wäre und sie deshalb heute über Namen und Anschrift aller rund 3.500 Fans verfügen würde, die über die Eintracht eine Karte für Karlsruhe bezogen haben? Würde dieser komplette Datensatz an die Karlsruher Polizei übergeben? Für eine Art „Rasterfahndung“? Was würde die Polizei mit einem Datensatz von rund 3.500 Frankfurter Auswärtsfahrern machen?

Und: Hat die AG eigentlich auch an die Folgen der „Personalisierung“ der Auswärtstickets für die Vielzahl absolut friedlicher EFC’s gedacht, die Busse organisieren? Diese kaufen ja in aller Regel erst die Karten und bieten dann die Fahrten im EFC bzw. öffentlich an. Sie können daher beim Kartenerwerb die Namen der endgültigen Nutzer noch gar nicht angeben. Soll diese jahrelang bewährte Praxis jetzt aufgegeben werden? Will man selbstorganisierte Busreisen von EFC’s verhindern?

Es gibt also noch zu sehr vielen Punkten des vom AG-Vorstand beschlossenen Maßnahmenpakets erheblichen Gesprächs- und Klärungsbedarf. Die Fan- und Förderabteilung wird hierzu alsbald das Gespräch mit der AG suchen und darauf drängen, hierbei alle Fangruppen bzw. Fanvertreter einzubinden.

Vor allem aber erhoffen wir uns davon, dass sich auch bei der Eintracht Frankfurt Fußball AG bald wieder die Einsicht durchsetzt, dass ein „Mehr“ an Repression und Verboten gerade nicht ein „Mehr“ an Sicherheit zur Folge hat.
Im Gegenteil: Unter Fans, denen man alle bislang legalen Mittel nimmt, den Gästeblock auch optisch und akustisch zur „Eintracht-Kurve“ zu machen; unter Fans, denen man schon beim Verkauf der Eintrittskarte signalisiert, dass man sie als potentielles Sicherheitsrisiko einstuft; unter Fans, deren Namen und Anschrift man sammelt, um sie bei irgendeinem Vorkommnis im Block der Polizei zu übergeben – unter solchen Fans können und werden sich die Besonnenen nie durchsetzen können. Unter solchen Fans wird sich immer eine Stimmung entwickeln, in der es unweigerlich irgendwann wieder zu bestimmten „Aktionen“ kommen wird.

Langfristig, das zeigen bspw. die Erfahrungen der Polizei Hannover (die ihr Einsatz-konzept völlig geändert hat und ganz auf Zurückhaltung und betonte Freundlichkeit setzt) oder von Borussia Dortmund (mit der sehr liberalen Praxis, sämtliche Fanutensilien zu erlauben), haben diejenigen Konzepte mehr Erfolg, die Fans als Menschen und Bürger mit entsprechenden Rechten behandeln.

Wir als FuFA werden nichts unversucht lassen, dass sich die notwendigen Einsichten bei allen Beteiligten durchsetzen. Auf Seiten der Fans der endgültige Verzicht auf Pyro, auf Seiten der Eintracht der Verzicht auf weitere Repression und Verbote (einschließlich der Rücknahme der jetzt verkündeten Maßnahmen).

Frankfurt, den 27.02.2009

Fan- und Förderabteilung
Der Abteilungsvorstand

Die Stellungnahme auch als pdf zum Download.

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