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Interview mit Axel Hellmann: Nächste Schritte

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von Jörg Heinisch und Andreas Klünder

 

 

(jh/ak) Bei der Eintracht ist viel in Bewegung geraten. Keine Frage, dass das einigen Gesprächsstoff für ein Interview mit Axel Hellmann, Mitglied des Vorstands der Eintracht Frankfurt Fußball AG liefert. Durch die Reisen der Eintracht in die USA (einerseits die Mannschaft, andererseits mit viel mehr Anlaufpunkten im ganzen Land für Axel Hellmann in Hinblick auf neue Partnerschaften mit finanziellem Nutzen für die Eintracht) war zeitbedingt kein intensiver Austausch im persönlichen Gespräch möglich; wir mussten uns einstweilen auf die Entfernung mit einem schriftlichen Austausch beschränken, bevor ggf. demnächst eine Vertiefung im persönlichen Rahmen folgt.

 

 

Hallo Axel, Du bist ja gerade mit der Eintracht in den USA. Bevor wir im Herbst sicherlich ein weiteres Interview mit Dir führen, um bestimmte Themen zu vertiefen, haben wir natürlich jetzt zum Saisonstart bereits einige Fragen. Da Du ja gerade auf US-Tour bist, die nicht nur als klassisches Trainingslager zu verstehen ist, sondern auch zum Ausbau der Kontakte / Netzwerk-Bildung dienlich ist, Dein kurzes Zwischenfazit?

Ein KURZES Zwischenfazit ist schwer, weil es sehr viele Eindrücke sind, die man hier mitnimmt. Ich will es mal auf drei Headlines komprimieren: 1. Die Fußball-Begeisterung ist in den USA mittlerweile viel größer, als wir erwartet haben, 2. In den digitalen Geschäftsmodellen allgemein und im Sport sind uns die USA sehr weit voraus, da können wir viel lernen. 3. Unsere wirtschaftlichen Chancen in den USA sind gut, aber auch hier werden wir einen langen Atem brauchen.

Der neue Hauptsponsor indeed war aber nicht Auslöser der US-Tour, oder?

Er war nicht der Auslöser, aber es hat der US-Tour nochmal eine besondere Bedeutung gegeben, und natürlich waren an allen Stationen unseres Teams Mitarbeiter und Vertreter von Indeed anwesend. Fredi war auch in Seattle im Office von Indeed. Ich war in der Hauptzentrale in Austin. Man spürt großen Stolz über die Partnerschaft mit uns.

 

Die Partnerschaft mit indeed scheint ein typischer „Hellmann“ zu sein. Ein Sponsor also so richtig nach Deinem Geschmack?

Die Partnerschaft ist spannend, ja. Es kommt so vieles zusammen neben den wirtschaftlichen Faktoren, die natürlich stimmen müssen. Indeed ist ein total internationales Unternehmen, kommt aus einer neuen Welt, einer rein digitalen. Ob wir das jetzt gut finden oder nicht, die Geschäftsmodelle der Zukunft liegen fast alle in der digitalen Welt, und wenn Eintracht Frankfurt auch in Zukunft die größtmögliche Unabhängigkeit bewahren will, dann nur wenn unsere dauerhafte Einnahmebasis stark, nachhaltig und wettbewerbsfähig ist. Die digitale Welt spielt hier eine große Rolle.

 

Dazu passt ja auch noch China – Du warst ja im Mai gemeinsam mit dem Bundeaußenminister Gabriel dort - und evtl. noch zukünftig ein Partner aus dem Silicon Valley?

Wir haben uns verschiedene Kontaktschienen nach China aufgebaut. Auf der politischen Ebene, genauso wie auf der wirtschaftlichen. Und unsere Kontakte nach China tragen Früchte. Wir haben mit der chinesischen Gaming-Plattform AM8.com einen Zweijahresvertrag abgeschlossen. Die haben nur in China Kunden und werben bei uns, um bei TV-Übertragungen in China auf unseren Banden sichtbar zu sein. Das ist ein Meilenstein, denn das Unternehmen hat in Frankfurt, Hessen, Deutschland, Europa überhaupt kein Geschäft und keine Kunden. Der Zielmarkt USA ist grundsätzlich anders. Da stehen Werbemöglichkeiten in der Bundesliga nicht im Mittelpunkt. Da geht es eher um gemeinsame Partnermodelle. Ich würde nicht ausschließen, dass wir hier neben Indeed noch den einen oder anderen amerikanischen Partner hinzugewinnen.

 

Das sind ja alles Aktivitäten bei der Eintracht, die in der Vergangenheit eher als undenkbar galten, aber tatsächlich auch und gerade im Sinne der DFL sind, um die Marke „Bundesliga“ global zu stärken. Gibt es hier Unterstützung durch die DFL und wie fruchtbar sind diese, gerade auch für die Eintracht?

Die DFL unterstützt das sehr, auch wirtschaftlich. Sie ist der Motor dieser Entwicklung und wird das weiter vorantreiben. Die Bundesliga hat im Ausland noch ein massives Wachstumspotenzial, in der Verwertung der Medienrechte, genauso wie im Sponsoring. Allerdings setzt das voraus, dass die Bundesligaclubs auch eine ähnliche Bereitschaft, wie die Clubs der Premier League mitbringen, sich im Ausland zu zeigen. Dafür muss man reisen, fliegen, Zeit investieren. Es gehört aber nach meinem Verständnis heute zur Aufgabe der Clubs und zum Profi-Sein dazu.

 

Bevor wir auf weitere Ausblicke kommen noch ein kurzer Rückblick auf die vergangene Saison. Nach außen ist ein Bild entstanden, als seien Verantwortliche, Trainer und Spieler mit der Saison intern zufrieden gewesen. Bei den Fans ist das, trotz Berlin, vielleicht nicht ganz so. Durch die fast schon desolate Rückrunde sind doch viele Chancen zur Wertsteigerung ungenutzt geblieben (sportlich und wirtschaftlich – Stichwörter Europa und TV-Tabelle). Wie siehst Du das?

Ich glaube, man muss differenzieren und die Bewertung im Einzelnen vornehmen. Stimmt das Gesamtergebnis mit dem 11. Platz und der Teilnahme am Pokalfinale? Ich würde sagen: Ja. Vor allem, wenn man sich die Struktur der Mannschaft und das Budget letzte Saison anschaut. Stimmt das Ergebnis der Rückrunde? Ganz sicher nicht. Haben wir eine Riesenchance verpasst? Ich denke schon. Waren die Ursachen dafür abwendbar? Ich glaube nicht, wenn man nicht in Mythenbildung verfallen wie: hätten wir doch Huszti behalten, etc. Wir müssen ganz einfach zur Kenntnis nehmen: Wenn unser Kader von extremen Verletzungsfällen gezeichnet ist, verlieren wir an Wettbewerbsfähigkeit. Das Erfolgsrisiko wollen wir reduzieren.

 

Die Eintracht nimmt gerade viel Geld für Neuverpflichtungen in die Hand – nur dank der Pokalfinalteilnahme und der Erhöhung der TV-Gelder? Oder konnten weitere Quellen aufgemacht werden? Wie ist der Stand zum beabsichtigten Genussschein-Verkauf? Und wie viel Risiko, das unter Heribert Bruchhagen ja kaum denkbar war, geht die Eintracht gerade ein?

Zu dem Gesamtbild der Finanzen und etwaigen Kapitalmaßnahmen äußert sich bei uns nur Oliver Frankenbach. Auf der Einnahmeseite profitieren wir von höheren Fernsehgeldern und neuen werthaltigen Sponsoring-Deals. Die Menschen und Partner spüren, dass wir nach vorne wollen, dass wir uns verbessern wollen, dass wir was erreichen wollen. Jeder weiß doch wie hart der Wettbewerb der Bundesliga ist. Das müssen wir keinem mehr erklären. Wir wollen aber, dass die Menschen spüren, dass wir uns bestimmten Realitäten entgegenstemmen mit guten smarten Strategien. Hier sind wir auf allen Ebenen mittlerweile sehr gut unterwegs.

 

Auf YouTube findet man einen bemerkenswerten Vortrag von Fredi Bobic im Rahmen einer Veranstaltung eines Marketingclubs, wie er im vergangenen Sommer die Eintracht vorgefunden hat. Er legt dabei die Finger nicht nur in die Wunden, sondern hat ganz offensichtlich auch konkrete Pläne, wohin die Reise im Rahmen der Möglichkeiten gehen soll. Über seine Kontakte / Netzwerk offenbar keine leeren Worthülsen?

Ich kenne seine Sicht auf die Vergangenheit. Es ist aber nicht meine Aufgabe, sie öffentlich darzulegen oder zu bewerten. Es ist auch nicht an mir, die Arbeit von Fredi Bobic zu bewerten. Als Vorstandskollege kann ich nur eines sagen: Es wird jetzt intensiv geplant, hart gearbeitet und nicht öffentlich geklagt.

 

Der Bau der neuen Geschäftsstelle ist schon mal ein weiterer Schritt für die Eintracht um im 21. Jahrhundert anzukommen. Nächster Meilenstein der neue Stadionvertrag. Plant die Eintracht konkret Stadionbetreiber zu werden oder welche Überlegungen gibt es?

Ich bitte um Verständnis, dass ich hier unsere Vorstellungen nicht im Detail ausbreiten kann. Wir haben unseren Ansatz der Stadt vorgestellt und halten ihn für eine für beide Parteien optimale win-win-Situation. Klar ist: Nur wenn wir Zugang haben zu allen Erlösquellen bei unseren Spielen und gleichzeitig auch die Kontrolle über die Kosten und nur, wenn wir zusammenhängende Geschäftsmodelle in der Clubvermarktung und Stadionnutzung entwickeln, werden wir wettbewerbsfähig sein in Zukunft. In der Vergangenheit waren wir es bei den Stadionerlösen, auf der Kostenseite und bei den Geschäftsmodellen nicht. Das hat uns Jahre in der Entwicklung gekostet.

 

Nächstes großes Thema in diesem Zusammenhang ist der Stadionausbau. Was man mitbekommt ist, dass die Stadt diesem Thema sehr aufgeschlossen zu sein scheint. Wie ist Deine Einschätzung?

Ich habe noch keinen der politisch Verantwortlichen getroffen, der sich dem Vorhaben gegenüber nicht aufgeschlossen gezeigt hat. Das liegt aber auch daran, dass wir mit realistischen, kostenoptimalen und sinnvollen Ansätzen und nicht mit Luftschlössern um die Ecke gekommen sind.

 

Inwieweit werden Fans in die Ausbaupläne mit eingebunden?

Die Idee des Stadionausbaus ist schon vom alten FSG, dem heutigen Fanclubverband aufgebracht worden. Sie steht auch seit vielen Jahren in den Konzepten der FuFa und wird auch von NWK entschieden mitgetragen. Es ist also keine Idee des Vorstands der Fußball AG, sondern der Basis. Ich sehe nun aber ein gutes Zeitfenster, um das Ganze aufzugreifen und zu realisieren. Die konkrete Planung der Realisierung steht ja jetzt erst an. Wir haben eine Machbarkeit des Ausbaus gemeinsam mit dem Stadionbetreiber ausarbeiten lassen, und die Ergebnisse haben wir zunächst im Fanbeirat diskutiert. Wie immer im Leben gibt es Dinge, die gehen und andere, die nicht gehen. Es wird bautechnische Grenzen geben. Die gute Nachricht ist, dass 20.000 Stehplätze bei einer Gesamtkapazität von mehr als 60.000 möglich sind. Eine durchgehende Tribüne wird aber wohl nicht zu realisieren sein. Aus meiner Sicht ist aber das hinter dem Ausbau stehende Konzept für die Fans viel wichtiger. Wir sind einer der wenigen Clubs, die über einen Ausbau von Stehplätzen nachdenken. Rein wirtschaftlich würde es vielleicht Sinn machen, nur Sitzplätze zu schaffen. Allerdings sehen wir in dem Konzept „Fußball für alle“ die Zukunft der Eintracht, sozialverträgliche Preise, die jedermann, vor allem jungen Menschen erlauben, die Eintracht live im Stadion zu erleben. Es wäre in der Bundesliga einmalig, wenn sich hinter diesem Ansatz alle versammeln könnten. Fans, Club und Politik.

 

Die Pläne zum Ausbau hängen natürlich mit der EM-Bewerbung für 2024 zusammen. Heißt das im Umkehrschluss, wenn die EM nicht in Deutschland stattfindet, dass dann das Thema Stadionausbau erstmal ruhen muss?

Ganz sicher nicht. Die Pläne würden auch Sinn machen, wenn die EM nicht in Deutschland stattfindet. Aber erstens bin ich sicher, dass sie nach Deutschland vergeben wird und zweitens muss das Stadion in jedem zukunftsfähig gemacht werden für die nächsten 15 Jahre.

 

Wenn wir bei der EM Bewerbung sind, sind wir auch beim DFB. Wie ist eigentlich das Verhältnis? Gerade im Hinblick auf die Strafen hinsichtlich Fanverhalten und den – sagen wir mal - etwas unglücklich getätigten Äußerungen von Seiten des DFB-Präsidenten im Rahmen des Pokalfinales in Berlin?

Das Verhältnis mit dem DFB ist auf den Arbeitsebenen hervorragend. Und auch mit der Spitze des DFB gibt es in vielen Punkten Übereinstimmung. Dass wir bezüglich der Wirkung von Vorabendreden und der Halbzeitgestaltung eines DFB-Pokalfinales andere Auffassungen hatten, ist ausgetauscht worden und sollte man nicht zu hoch hängen. Ich glaube, das haben die allermeisten beim DFB im Nachhinein verstanden. Anders sieht es beim Thema Kollektivstrafen aus. Hier gibt es teilweise grundsätzlich unterschiedliche Positionen.

 

Welche Bedeutung hat vielleicht in diesem Zusammenhang der DFB Sitz in Frankfurt für die Eintracht? Gäbe es für die Eintracht irgendeinen Nachteil, wenn aufgrund der Rennbahn-Streitigkeiten der DFB den Standort Frankfurt verlassen würde?

Die DFB-Akademie muss kommen. Das Projekt ist sportpolitisch für Frankfurt wichtig und es wird viele positive Wirkungen für die Eintracht entfalten, vor allem vor dem Hintergrund unseres neuen Proficamps mit neuer Geschäftsstelle auf dem Stadiongelände. Insofern beantwortet sich die Frage von selbst.

 

Kovac, Bobic werden – auch wenn Sie hoffentlich lange und erfolgreich bei der Eintracht bleiben – irgendwann Geschichte sein. Haben die aber vielleicht jetzt schon für ein neues Selbstverständnis bei der Eintracht gesorgt, dass bestimmte Trainer-Typen wie vielleicht auch Entscheidungsträger, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten das Bild der Eintracht geprägt hatten, bestenfalls nur noch Vergangenheit sind?

In dem Geschäft werden alle schnell zur Vergangenheit. Da sollte man keine grundsätzlichen Bewertungen vornehmen. Ich bin bei der Eintracht als Mitglied aktiv geworden, nachdem Octagon uns die „die neue Eintracht“ auf einem Großplakat am Kaufhof angekündigt hat, und danach war alles zum Fremdschämen. Aus diesem Tiefpunkt heraus haben sich im Club bestimmte nachhaltige Dinge entwickelt, die bis heute der Eintracht gut tun und ein anderes Selbstverständnis geschaffen haben. Es ist das Gesamtwerk von vielen, auf vielen Ebenen. Unabhängig davon, wer kommt und geht. Und so soll es auch sein. Heribert hat die Eintracht stabilisiert, so wie er es jetzt beim HSV schafft. Fredi und Niko stehen für vollprofessionelles Arbeiten, sie verkörpern eine Haltung. Aber das Selbstverständnis hat sich lange davor herausgebildet, an der Basis, in der Kurve, in den verschiedenen Sportabteilungen des Vereins und schließlich in der Spitze der Fußball AG.

 

Bei allen derzeitigen Aktivitäten, für den Fan ist am Ende des Tages (frei nach Bobic) entscheidend, was auf dem Platz stattfindet. Wohin führt der Weg der Eintracht in den kommenden Jahren? Ist Berlin noch mal absehbar möglich?

Na klar ist das möglich. Es hängt vom Losglück ab. Du darfst eben nicht gegen die Bayern oder wahrscheinlichen auch Dortmund vor dem Finale spielen. Grundsätzlich bin ich fest davon überzeugt, dass unser Weg Schritt für Schritt nach oben führt. Wir sind im Moment nach den beiden großen Clubs mit Köln zusammen der am schnellsten wachsende Club in Deutschland. Reichweite, Mitgliederzahl, Ticketnachfrage, etc. Wir boomen, vor allem auch bei jungen Menschen. Das sind sehr gute Voraussetzungen für Erfolg in der Zukunft.

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