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Interview mit Ari Leibovici, Eintracht-Fan jüdischen Glaubens: „Dieser Drecks-Judenschiedsrichter“

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aus Fan geht vor Nr. 278 (Oktober 2019)
Von Michael „Öri“ Gabriel

(ext) Im Anschluss an das Play-Off-Rückspiel zur Gruppenphase der Europa-League gegen Racing Straßburg wurde in der Presse von antisemitischen Ausfällen von Eintracht-Fans berichtet. Ziel der antisemitischen Beschimpfungen war der israelische Schiedsrichter Orel Grinfeld, der die Fans der SGE durch einige Entscheidungen, insbesondere die umstrittene rote Karte gegen Ante Rebic kurz vor der Halbzeit, gegen sich aufgebracht hatte.

Über das Ausmaß der Beschimpfungen gab es anfangs einige Unklarheiten. So wurde mit Bezug auf einen Zeugen zuerst berichtet, dass die ganze Kurve in antisemitische Schmähgesänge eingestimmt hätte, was sich aber später als eine irrtümliche Wahrnehmung herausstellte.


Die Verantwortlichen der Eintracht haben die Vorfälle in den Tagen nach dem Spiel intensiv untersucht (siehe die Erklärung der SGE vor diesem Interview). Unbestritten ist, dass es einzelne antisemitische Schmähungen gegeben hat, jedoch keine kollektiven Äußerungen aus der Kurve oder von größeren Gruppen. „Fan geht vor“ ist an dieser nüchternen Darstellung dessen, was vorgefallen ist, sehr interessiert. Nur dann lässt sich angemessen mit den Vorfällen umgehen. Wir können in Frankfurt sehr froh sein, dass wir in unserer Fanszene einen weitverbreiteten Konsens darüber haben, dass rassistische, antisemitische, oder rechtsextreme Äußerungen nichts in unserer Kurve verloren haben.  Eigentlich hätte ich in der Liste eben gerne auch homophob geschrieben, bin aber etwas verunsichert, denn beim Spiel gegen Straßburg intonierte die Kurve nämlich einen homophoben Sprechchor, der wohl hauptsächlich gegen die mit den Straßburgern befreundeten KSC-Fans gerichtet war. Sehr unnötig, wie ich finde.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. In der Berichterstattung über solche Vorfälle geht es schnell meist darum, ob und wie der Verein reagiert und ob das Image des Vereins oder der Fanszene leidet. Viel zu wenig wird darüber berichtet, wie es denn den unmittelbar Betroffenen geht.

Deswegen haben wir uns mit Ari Leibovici getroffen, der als Eintracht-Fan beim Spiel persönlich mit antisemitischen Beleidigungen konfrontiert war.

FGV: Ari, stell dich doch bitte kurz den Lesern und Leserinnen vor:

Ari: Mein Name ist Ari Leibovici, ich bin Mitte 30, geboren in Frankfurt, aufgewachsen in Frankfurt und lebe aktuell in Frankfurt, und ich bin Mitglied der jüdischen Gemeinde, also auch jüdischen Glaubens. Fan der SGE bin ich schon sehr früh geworden. Mein erster Stadionbesuch war das Pokalhalbfinale 1993 gegen Leverkusen, das wir 0:3 verloren haben und bei dem anschließend Stepanovic als Trainer entlassen wurde. Zu Beginn bin ich oft in den G-Block und dann auch klassisch rüber auf die Gegengerade. Ab sechzehn bin ich dann auch öfter auswärts mitgefahren.

FGV: Jetzt wird wahrscheinlich jeder Fan sagen, dass die Eintracht ein ganz spezieller Verein ist. Was bedeutet denn die Eintracht für dich?

Ari: Sportlich gesehen, ein einziger Achterbahnverein. Als ich dazukam war ja gerade der Fußball 2000 da, aber kurz danach ging es schon bergab, bis hin zu den Abstiegen, aber dann kamen auch immer die Aufstiege. Also Freud‘ und Leid in stetigem Wechsel. Ich glaube, so etwas verbindet. Wenn meine Freunde und ich, viele von denen auch jüdischen Glaubens, 500 km nach Unterhaching fahren und nach einer Niederlage traurig zurück oder nach einem Auswärtssieg aus Karlsruhe eben fröhlich, das verbindet einfach. Das hat über die Jahre die Verbindung zum Verein ausgemacht, und es gab nie den Gedanken, der SGE den Rücken zu kehren, bei keinem.

Dann hat’s auch noch etwas Familiäres. Hier treffe ich all meine Freunde. Das Waldstadion ist so etwas wie meine Wohlfühloase, mein Zuhause in der Stadt, neben meinem Wohnzimmer.

FGV: Spielt für dich die Historie der Eintracht und wie der Verein mit seiner Geschichte umgeht, eigentlich eine Rolle für dein Fansein?

Ari: Wir sind aktuell vier Freunde mit einer Dauerkarte, und wir sind alle vier jüdischen Glaubens, und ich kann sagen, dass für uns die Historie eigentlich keine Rolle in diesem Zusammenhang spielt. Wir haben uns nie überlegt, ob unser Glauben einen bestimmten Bezug zur Eintracht hergestellt hat. Für uns ist die Eintracht so gesehen, ein ganz normaler Fußballverein, den wir einfach mit vollem Herzen unterstützen. Wenn wir vier ins Stadion gehen, sagen wir nicht, wir vier Juden gehen zur Eintracht, sondern wir sagen „wir vier Adler gehen zur Eintracht.“

FGV: Jetzt gab es das schon erwähnte Spiel gegen Racing Straßburg. Schildere doch bitte mal den Vorfall, der dir passiert ist.

Ari: Meine Dauerkarte ist auf der Haupttribüne im Unterrang. Es gab ja die ziemlich große Aufregung um die rote Karte gegen Ante, und als ich in der Halbzeit zum Bierholen gegangen bin, höre ich hinter mir, wie einer sehr laut „dieser Drecks-Judenschiedsrichter“ ruft. Ich bin dann kurz stehen geblieben und habe ihn gefragt, was er da eben gesagt hat, und dann wiederholt der das 1:1. Meine Natur ist dann auch so, dass ich ein schon auch emotional reagiere, wenn ich etwas höre, was mir nicht gefällt oder was mich beleidigt, also habe ich den dann konfrontiert und quasi sinngemäß gesagt, dass es eigentlich eine Schande ist, „dass du hier das Eintracht-Trikot trägst, weil wir so etwas hier eigentlich nicht haben wollen.“ Viele Leute kamen auch zu mir und haben mich bestätigt, indem sie gesagt haben, dass sie es sehr gut finden, dass ich den Typen konfrontiere, aber ich habe mich gefragt, warum geht keiner von euch auf den zu und konfrontiert ihn mit seiner Aussage und dass wenn er so denkt, in der Mitte der Eintracht-Fans eigentlich keinen Platz hat.

Naja, unser Disput hat sich dann noch eine Weile hingezogen, und er meinte unter anderem, er könne sagen, was er wolle. Dann kamen Eintracht-Fans dazu und wollten mich beruhigen und sagten, so etwas könne man ja mal im Effekt sagen. Ich muss zugeben, dass mich das fast noch mehr enttäuscht hat. Wir brauchen Zivilcourage und klare Grenzen und nicht Entschuldigungen, die solchen Meinungen noch Raum geben.

FGV: Was hat denn dieser Vorfall mit dir bei deiner Heimat Eintracht gemacht? Kann man das so einfach aus seinen Kleidern schütteln?

Ari: Naja, der Typ hat mir meine Wohlfühloase, meine Heimat Eintracht genommen. Hier bin ich immer nur hingegangen für die Euphorie und für die Leidenschaft. Ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, dass ich hier in meiner Heimat mit antisemitischen Beleidigungen zu tun haben könnte. Ich bin nicht naiv; ich arbeite bei einem jüdischen Sportverein, da sind wir regelmäßig mit Antisemitismus konfrontiert, aber bei der Eintracht habe ich das nicht erwartet.

Weißt du, für den einen oder anderen wirkt das nur wie ein übler Spruch, für mich ist damit aber eine bittere Realität angekommen, dass wir dieses „Drecksjude“ nicht nur in Frankfurt immer häufiger hören, sondern in ganz Deutschland, sogar in ganz Europa. Das belastet mich bis heute.

FGV: Ich glaube, dass sich kaum jemand vorstellen kann, wie es ist, wenn man als Jude in Deutschland oder anderen europäischen Ländern lebt und man ständig gewahr sein muss, dass man angefeindet wird, dass man angegriffen wird, sogar getötet wird. Das muss ja zwangsläufig Auswirkungen haben, wie man die Umgebung wahrnimmt und wie man die Leute wahrnimmt, sehr sensibel ist und vielleicht unterbewusst oder bewusst Sorgen haben muss, ob heute was passiert. So ein Vorfall muss dann in so einer Wohlfühloase besonders weh tun, oder?

Ari: Absolut. Die Magie beim Fußball ist ja zum Beispiel, wenn du beim Tor deinen Freund, der neben dir steht, umarmst, aber genauso jemanden, den du vielleicht gar nicht kennst. Es ist dann völlig egal, woher der oder die kommt und welche Religion da ist. Du teilst dann gemeinsam dieses Glück. Und wenn dann jemand die Religionszugehörigkeit ins Spiel bringt, wie bei der Beschimpfung des Schiris, dann zerstört der diese Gemeinsamkeit, die unseren Verein ausmacht.

Das macht mir insgesamt sehr große Sorgen. Wir bekommen ja spürbar mit, dass zunehmend Leute beleidigt oder angegriffen werden, wenn sie zum Beispiel über den Davidstern als „jüdisch“ identifiziert werden. Dabei müssen sie nicht mal jüdisch sein, wie viele unserer Vereinsmitglieder. Viele verwechseln auch Israel mit dem Judentum. Immer wenn in Israel etwas passiert, spüren wir Juden das hier in Deutschland, obwohl wir hier geboren sind, den deutschen Pass haben und hier unsere Steuern bezahlen. Hier sind alle aufgefordert, aufmerksam zu sein und hinzuhören.

FGV: Hat denn die Eintracht hingehört?

Ari: Die Eintracht hat sehr gut hingehört und super reagiert. Auch weil sie schon vor Ort aktiv geworden ist und direkt Leute aus dem Stadion geworfen hat, die sich so geäußert haben. Mehr kannst du nicht verlangen. Die Verantwortlichen Axel Hellmann und Peter Fischer positionieren sich ja für die Eintracht sehr offensiv gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus und das bleiben aber nicht nur Worte, sondern dem folgen auch Taten. United Colors of Eintracht wird gelebt und mich hat das beruhigt, dass die Eintracht so konsequent reagiert hat. Das hat mir ein wenig auch das Vertrauen zurück gegeben, dass ich zu mir sagen konnte, „hör zu, seit 30 Jahren gehst du hier hin, in der ganzen Zeit gab’s keinen negativen Vorfall, also lass dir von einem Typen deine Wohlfühloase nicht kaputt machen“. Und deswegen sage ich auch Danke Eintracht Frankfurt. Diesen Dank möchte ich auch im Namen meiner vier Freunde und meines Fanclubs EFC Sieger-Adler aussprechen. Und auch Danke an die vielen Fans, die sich im Netz oder auf facebook zu Wort gemeldet haben und die klar gemacht haben, wofür unsere Eintracht steht.

Lieber Ari, vielen Dank für das Gespräch!

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