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Die ganz normale Schizophrenie des gemeinen Eintracht-Fans

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von Stefan Minden

"Standortbestimmung - Hinter diesen Gegnern wartet die Wahrheit", so stand es auf dem Titelbild der letzten Fan geht vor. Zu sehen waren die Embleme des HSV, des VfL Bochum, des KSC und von Energie Cottbus. Nun, nachdem drei dieser vier Partien absolviert sind (unser Sonntagspiel im brandenburgischen Zonenrandgebiet stand noch aus, als dieser Artikel geschrieben werden musste), möchte man zurückfragen: Welche Wahrheit kam denn nun zum Vorschein? Ein Sieg, ein Unentschieden und eine Niederlage - was sagt uns das jetzt? Dass dabei, nicht ganz eintrachtuntypisch, mit dem Europapokal-Teilnehmer HSV der auf dem Papier am stärksten eingeschätzte Gegner bezwungen wurde und die Niederlage aus dem scheinbar einfachsten Spiel, der Heimpartie gegen den Aufsteiger KSC, stammt, macht die "Wahrheitssuche" nicht gerade einfacher. Oder vielleicht doch? Ist die Liga mittlerweile so ausgeglichen, dass es den "sicheren Mittelfeldplatz" - immerhin offizielles Saisonziel - gar nicht mehr gibt?


In jedem Fußballfan schlummern, mehr oder minder ausgeprägt, zwei Extreme: der Träumer und der Paniker. Das ist die ganz normale Schizophrenie des gemeinen Fans, der sich im Grunde keiner entziehen kann. Und das ist auch gut und richtig so, denn der Fußball lebt von Emotionen. Und der Fußballfan sucht Emotionen - und die gibt es nun mal vor allem und in besonderem Maße in den Extremen. Weshalb man sich als Fan, ob bewusst oder unbewusst, gedanklich immer mit Extremsituationen - großen Siegen und Triumphzügen oder dem Schreckensbild eines Abstiegs - beschäftigt.

Und so führen der Träumer und der Paniker in uns einen steten Kampf um die Vorherrschaft über unseren jeweils aktuellen Gemütszustand. Gerade in der Zeit des Saisonanfangs ist dieser Kampf besonders erbittert, weil ja noch so viel passieren könnte und keiner auch nur halbwegs verlässlich vorhersagen kann, wohin die Reise wirklich geht. Jeder unerwartete Sieg lässt den Träumer triumphieren, weil diese Leistung, hochgerechnet auf den weiteren Saisonverlauf, ja nun schnurstracks ganz nach oben führen muss. Ein besonders perfider Triumph des Träumers besteht darin, sich als scheinbarer Realist oder gar Euphoriebremser zu geben: "Ei Jungs, bleibt emal uffem Teppisch. Die Schämpjens Lieg kimmt noch zu frieh, isch glaab, des werd am End widder nur fir de UEFA-Kapp reische..." (O-Ton, aufgeschnappt im Stadion auf dem Nachhauseweg nach dem HSV-Spiel).

Umgekehrt frohlockt der Paniker, wenn eine vermeintlich leichte Partie vergeigt wird. "Die schieße ja kaa Torn mehr, die Blinde. So wern mer aach in Cottbus verliern un gesche Leverkuse sowieso. Dann simmer widder ganz unne, midde im Abstiegskampf..." (O-Ton, aufgeschnappt im Stadion auf dem Nachhauseweg nach dem KSC-Spiel).

Die Wahrheit liegt sicherlich, wie so oft, irgendwo dazwischen. Die Eintracht verfügt im nunmehr dritten Erstliga-Jahr nach dem Wiederaufstieg über ausreichend fußballerische Substanz, Erfahrung und taktische Reife, um in der Liga eine gute bis passable Rolle spielen zu können. Andererseits ist aber, wie schon im letzten Jahr, in eben dieser Liga eine Tendenz festzustellen, dass sich die Mannschaften zwischen Platz 5 und 16 in ihrem Leistungspotential sehr stark ähneln und einander angleichen. Der sog. "sichere Mittelfeldplatz" ist eine Mär, eine Fiktion, die es in der Bundesliga-Wirklichkeit des Jahres 2007 gar nicht mehr gibt. Der HSV hatte letztes Jahr den Klassenerhalt rechnerisch erst am 33. Spieltag (!) erreicht und rutschte dann am 34. über den UI-Cup-Platz sogar noch in den UEFA-Pokal.

Deutlicher kann man kaum aufzeigen, wie eng für einen "mittelmäßigen" Bundesligisten Triumph (Europapokal) und Katastrophe (Abstieg) beieinander liegen. Das Wissen um diesen Umstand gibt beiden, dem Träumer und dem Paniker in uns, jede Menge Existenzberechtigung, weil Triumph und Absturz, zumal in dieser noch frühen Phase der Saison, gleichermaßen möglich und realistisch erscheinen.

Andererseits folgt aus den geringen Leistungs-unterschieden zwischen Platz 5 und 16 zwangsläufig, dass die Spiele dieser "Mittelmaß-Mannschaften" untereinander in der Regel eben sehr knapp und eng verlaufen und ausgehen. Diese Erkenntnis wiederum sollte helfen, den Träumer wie den Paniker in Zaum halten zu können. Ein knapper Sieg gegen den HSV ist nämlich etwas ebenso Normales wie eine knappe Niederlage gegen den KSC. Das eine bedeutet nicht die unmittelbar bevorstehende Europapokal-Qualifikation, und das andere ist längst kein Vorbote des unabwendbaren Abstiegs.

Nachlassender Support im Waldstadion

Solche Spiele werden oft durch Kleinigkeiten entschieden. Wenn zwei Teams sich auf fußballerisch annähernd gleichem Niveau begegnen, hängen Sieg oder Niederlage häufig von der inneren Einstellung, vom Auftreten auf dem Platz, von der "Geilheit" auf das Tor ab. Was durchaus auch mal Anlass sein sollte, das eigene Verhalten der Fans kritisch zu beleuchten und zu hinterfragen. Denn während wir auswärts nach wie vor eines der reiselustigsten, lautesten und die Mannschaft bei jedem Spielstand anfeuernden Völkchen der Liga darstellen, lässt der Support bei Heimspielen in letzter Zeit doch manche Wünsche offen. Wie wichtig aber eine lautstarke, euphorisierende Unterstützung sein kann, hat sich bspw. gerade in der Schlussphase des HSV-Spiels gezeigt. Niemand im Stadion hatte den Elfmeterpfiff verstanden, jeder wähnte sich als Zeuge eines gemeinen Betrugs, der uns um einen absolut verdienten Sieg bringen sollte. Keiner konnte oder wollte das akzeptieren, und so schrie das ganze Stadion die Mannschaft (der es wohl ähnlich ergangen sein muss) nach vorne, pfiff jeden Hamburger Ballkontakt gnadenlos aus. Und irgendwie schaffte man es gemeinsam, den Ball ins Tor zu zwingen...

Warum aber kommt unter "normalen" Umständen eine solche Stimmung auch nicht annähernd zustande? Klar, sagen manche, das liege am zunehmenden Event-Publikum, das sich mit rosa Eintracht-Schals im Stadion breit mache. Eine bequeme Ausrede, aufgrund der man sich eine eingehendere Beschäftigung mit der eigenen Nase erspart - an die man sich ja auch mal fassen könnte. Welche rosa Schalträger sollen denn dafür verantwortlich sein, dass mittlerweile manchem selbsternannten Hardcore-Fan die Beschimpfung eines Michael Thurk wichtiger zu sein scheint als die Unterstützung der Eintracht? Ist es wirklich der "moderne Fußball" mit all seinen Begleiterscheinungen, oder ist es nicht doch eher die eigene Erwartungshaltung, die einen nach dem Karlsruher Führungstreffer enttäuscht verstummen lässt? Oder gehören mittlerweile nicht nur rosa-weiße Eintrachtschals zu den Begleiterscheinungen des "modernen Fußballs", sondern auch Fankurven, denen die eigene Show wichtiger ist als der Sport, der Verein und das Geschehen auf dem Platz (und die deshalb beleidigt und frustriert schweigen, wenn die Rahmenbedingungen, sprich: der aktuelle Spielstand, keine Stimmung für die "ganz große Show" aufkommen lassen)?

Lehren aus Darmstadt

Was in diesem Zusammenhang an unbequemer Wahrheit auch gesagt werden muss: Eintracht-Fans, die ein Spiel besuchen, obwohl sie das Geschehen auf dem Platz allenfalls zweitrangig interessiert und ihnen das sportliche Schicksal der Mannschaft offenbar völlig egal ist, gibt es leider und hat es erst kürzlich gegeben: Bei der Partie der U23 in Darmstadt. Dass im Vorfeld der Partie durch unzureichende Organisation beim Transport der Fans vom Bahnhof mit zwei hoffnungslos überfüllten Straßenbahnen und sodann durch eine dilettantische und schikanöse Organisation der Eingangskontrollen Aggressionen geschürt wurden, ist dabei nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen steht die von Fans mitgebrachte und - soweit nicht am Eingang kassiert - auch im Stadion gezündete Pyrotechnik.

Hierzu ist ganz klar zu sagen: Wer das Geschehen um unsere U23 auch nur halbwegs verfolgt, weiß, dass in den letzten Jahren wegen ähnlicher Vorfälle bei einem Spiel am Bornheimer Hang und erst vor kurzem beim Kreispokalspiel in Oberrad Punktabzüge gegen die U23 verhängt wurden. Man sollte auch wissen, dass es seitens des HFV Bestrebungen gegeben hatte, die gegen Eintracht-Fans verhängten bundesweiten Stadionverbote (die "eigentlich" nur für die ersten drei Ligen gelten) auch auf die Oberliga zu erstrecken. Und dass die Eintracht diesen Bestrebungen entgegengetreten ist und die Möglichkeit zum Besuch von Oberligaspielen für alle ihre Fans, auch solche mit Stadionverbot im Profibereich, verteidigt und durchgesetzt hat.

Wer in dieser Situation meint, zum Oberligaspiel in Darmstadt Pyrotechnik abbrennen zu müssen (weil es ja "geil aussieht" und "zu einem Derby gehört"), signalisiert dreierlei: Erstens - die Mannschaft, der Verein, ein etwaiger Punktabzug, der angestrebte Aufstieg; das alles ist mir egal; Hauptsache ich kann mich mal mit all dem austoben, was in den kameraüberwachten Bundesligastadien nicht mehr geht. Und zweitens: Die Behandlung der Fans, und insbesondere die künftige Behandlung von Fans mit Stadionverboten in der Oberliga, ist mir auch scheißegal. Und drittens: Liebe Eintracht, tut mir leid, aber lerne gefälligst, dass man mit Fans keine Absprachen treffen und Deals eingehen kann. Es gibt immer Idioten wie mich, die sich nicht daran halten. Oder wahlweise: Ich bin so blöd; ich wusste nicht, dass es für Pyro in der Oberliga Punktabzug und Geldstrafen geben kann, und von irgendwelchen Absprachen zwischen Fans und Verein über Pyroverzicht hatte ich auch keine Ahnung...

Am 11. Oktober verhandelt der HFV über eine etwaige Bestrafung der Eintracht. War es das wert? Wohl kaum. Aber hier zeigt sich offenbar noch eine andere Form der unter Fans zuweilen vorkommenden Schizophrenie...

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