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Das Grauen hat zwei Namen – Offenbach und Kickers

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(sm) „Das Grauen hat einen Namen – Offenbach“, so titelten wir an dieser Stelle vor dreieinhalb Jahren, als uns die Pokalauslosung das letzte Mal zwang, dieser unbedeutenden Siedlung an unserem östlichen Stadtrand einen Besuch abzustatten. Wir beschäftigten uns damals mit der Historie dieser erbärmlichen Ortschaft, die – keiner weiß genau wann; niemand kann sagen warum – plötzlich im Schatten der großen, prosperierenden freien Reichsstadt Frankfurt aufgetaucht war. Und es seitdem zu nichts gebracht hat.

Auch das zweite „Derby“ des 21. Jahrhunderts wollen wir zum Anlass nehmen, unseren Blick mal wieder auf diesen – ansonsten zu Recht weitgehend ignorierten und gemiedenen – Flecken Erde zu richten. Diesmal wollen wir auch den armseligen Fußballverein in unsere Betrachtungen einbeziehen, der uns am 27. Februar die Stadtgrenze (die Jahrhunderte lang ja eine Landesgrenze war) mal wieder überschreiten lässt. Was die Tristesse des Daseins, aber auch die Existenz tragikomischer Lachnummern angeht, gibt es nämlich erstaunliche Übereinstimmungen zwischen Stadt und Verein.

Jeder weiß es ohnehin, und manch ein Leser wird sich vielleicht auch noch an den Artikel erinnern: Obwohl Offenbach mittlerweile etwas mehr als 1.000 Jahre Zeit gehabt hat, ist bislang noch nie etwas Sinnvolles, Außergewöhnliches, Bleibendes von dort gekommen. Merkwürdig ereignislos spulten sich die Jahrhunderte ab, niemand wusste je etwas anzufangen mit dem vor sich hin dümpelnden Dorf. Hin und wieder wurde Offenbach verschenkt, einmal sogar an Frankfurt verpfändet (das jedoch so klug war, von einer Verwertung des Pfandes – also: Eingemeindung – abzusehen), sogar zu Österreich gehörte man dereinst, weil weit und breit kein Fürst aus der Region mehr bereit war, Offenbach in seine Besitztümer aufzunehmen. Was immer auch man in Offenbach versuchte, um aus dem Elend und dem Schatten des großen Nachbarn herauszukommen – es ging schief. Ob man eine Zollgrenze errichtete, um die zur Frankfurter Messe anreisenden Händler abzukassieren (die daraufhin die nordmainische Anfahrt bevorzugten), ob man eine eigene Messe gründete, die wenige Jahre später pleite ging; ob man – wie im Mittelalter – eine eigene Währung einführte, die außerhalb des damals knapp 100 Häuser großen Dorfs Offenbach niemand akzeptierte – wenn etwas daneben gehen konnte, dann ging es in Offenbach auch daneben. Das setzt sich nahtlos bis in die Gegenwart fort: Die Stadt verfügt bis heute nicht einmal über ein Theater; und Offenbach und Kultur vertragen sich einfach nicht. Als im Jahre 2002 eine private Initiative – unter großem Jubel des damaligen OB – in der Offenbacher Innenstadt einen „Kulturkeller“ eröffnete, gaben sie wenige Monate später entnervt auf – und zur Begründung zu Protokoll, dass kulturelle Veranstaltungen in Offenbach mangels Resonanz nicht stattfinden könnten und die Stadt allenfalls zu einem Bierfest tauge.

Offenbach ist hässlich, und das ist eines der wenigen Dinge, die die Offenbacher perfekt hinbekommen haben. Das muss man nämlich erst mal schaffen, eine Gegend dermaßen verkommen zu lassen. Man könnte in der Innenstadt kleine Schilder aufstellen: „So hat es in Halle und Erfurt in den 70er und 80er Jahren ausgesehen.“ Offenbach ist heute die Replika einer DDR-Stadt vor der Wende. Traurige Gestalten schleichen über holprige Straßen, halten sich an einer Bierflasche fest, die sie längst geleert haben, nüchtern ist die Stadt nicht zu ertragen.

Vor dem historischen Hintergrund der Offenbacher Stadtentwicklung kann es denn auch nicht verwundern, dass auch der örtliche Fußballverein das Schicksal seiner Stadt teilt. Eines muss man nämlich wirklich objektiv anerkennen: es gibt bemerkenswerte Parallelen zwischen der Stadt Offenbach und dem Verein Offenbacher Kickers; letzterer ist in gewisser Weise ein durchaus würdiger Vertreter seiner Stadt. Der größte gemeinsame Nenner: Beide haben es seit ihrer Gründung zu nichts gebracht.

Das Hauptproblem der Offenbacher ist recht einfach zu beschreiben: Keiner nimmt sie wahr, niemand nimmt sie ernst. Das gilt für Stadt wie Kickers gleichermaßen. Das zweite wesentliche Problem besteht (auch hier gilt: für Stadt wie Verein) in den – drücken wir es mal vornehm aus – eigenen Un-zulänglichkeiten. Man könnte auch sagen: Der Offenbacher scheitert meist schon an seiner eigenen Blödheit. Und macht dann – die dritte Parallele – für sein Scheitern Dritte verantwortlich, vorzugsweise Frankfurt, die Frankfurter oder die Eintracht. Die, so das Weltbild des Durchschnittsoffenbachers, den DFB beherrscht, den Hessischen Rundfunk sowieso, das Land Hessen auch mitsamt der jeweiligen Landesregierung, und alle arbeiten mit vereinten Kräften nur daran, die Kickers klein zu halten.

Beispiele für diesen Mechanismus gibt es zuhauf: 1963 scheiterten die Offenbacher an der Qualifikation zur neu gegründeten Fußball-Bundesliga. Das war hart für sie, wähnte man sich doch – nur vier Jahre nach der Vizemeisterschaft – dem Elitekreis zugehörig. Noch heute ist jeder Offenbacher überzeugt davon, dass es für die Nichteinstufung der Kickers für die erste Bundesligasaison nur einen Schuldigen gibt: Rudi Gramlich, der damals dem Spielausschuss – als einer unter vielen – angehörte.

Fakt ist allerdings, dass lange schon festgelegt war, dass aus der Oberliga Süd fünf Vereine in die Bundesliga kommen sollen. Hierfür sollten nach einem komplizierten System die Ergebnisse der letzten Jahre der Oberliga Süd gewichtet werden. Später wurde ergänzt, dass der Meister der Oberliga Süd 1962/63 automatisch aufsteigt. Es kam, wie es kommen musste: Meister wurde 1860 München, und die Rangfolge der Vereine nach den Ergebnissen der letzten Jahre sah Nürnberg, Eintracht, den KSC und VfB Stuttgart auf den ersten vier Plätzen. Offenbach war Fünfter, hatte somit die Bundesliga-Qualifikation vergeigt, schrie Zeter und Mordio, suchte einen Schuldigen – und fand ihn, welch Überraschung, bei der Eintracht in Person von Rudi Gramlich. Der habe, so das kollektive OFC-Credo, im DFB die Regelung des automatischen Aufstiegs des Südmeisters 1962 durchgesetzt, um die Kickers von der Bundesliga fernzuhalten. Dass Rudi Gramlich – natürlich, er war ja Frankfurter und Eintrachtler – eine gewisse Schadenfreude über den verpassten Kickers-Aufstieg nicht verbergen konnte, nahm man in Offenbach als endgültigen Beweis für die Verschwörungstheorie... Die Kickers zogen sogar – fast vierzig Jahre vor Engelbert Kupka – vor ein ordentliches Gericht, um ihre Aufnahme in die Bundesliga einzuklagen. Sie blieben dort so erfolglos wie auf dem Platz.

Als die Kickers dann sieben Jahre später endlich ihren großen Traum verwirklicht sahen – sie waren in die Bundesliga aufgestiegen und durften ein Jahr lang mit den Großen mitspielen – da gefiel ihnen das so sehr, dass sie sich gar nicht mehr aus der Bundesliga verabschieden wollten. Weil es aber sportlich vorne wie hinten nicht reichte, musste man zu anderen Mitteln greifen.

Dass ein Fußballverein bzw. sein Management versucht, den Ausgang von Spielen durch Bestechung zu beeinflussen, dass man sich durch solche Manipulationen Titel oder Klassenerhalte erkaufen will, ist leider kein Einzelfall – und war es, wie hinlänglich bekannt, gerade in der Bundesliga-Saison 1970/71 nicht. Aber niemals zuvor und niemals mehr danach hat sich jemand beim Bestechen so dämlich angestellt wie der OFC in jenem Jahr.

Am 5. Juni 1971, dem letzten Spieltag der Saison, saß OFC-Vizepräsident Waldemar Klein (Foto links) mit einem Diplomatenköfferchen auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions. Darin befanden sich 140.000 Mark – die, so war’s vereinbart, sollten die Spieler von Hertha BSC bekommen, damit sie unten auf dem Rasen Arminia Bielefeld schlagen. Zur gleichen Stunde spielte Offenbach in Köln. Kickers-Präsident Horst Gregorio Canellas hatte zuvor dem FC-Torwart Manfred Manglitz 100.000 DM geboten, wenn der OFC dieses Spiel gewinnt. Bei einem Offenbacher Sieg in Köln und einer Arminia-Niederlage in Berlin wäre der OFC gerettet gewesen... Aber es trat nun das Offenbacher Naturgesetz ein, wonach halt schief geht, was schief gehen kann. Die Hertha verlor 0:1 gegen Bielefeld – denn, was der ahnungslose Waldemar Klein mit seinem Geldköfferchen nicht wusste, die Arminia hatte ihn überboten. Statt 140.000 DM von Offenbach für einen Sieg nahmen die Berliner lieber 250.000 DM aus Bielefeld für eine Niederlage... Und in Köln verlor der OFC zugleich mit 4:2 gegen den FC – bei dem wegen einer kurzfristigen Verletzung Manglitz gar nicht das Tor hütete...

Die Kickers waren also abgestiegen, und Canellas spielte anderentags die Tonbänder vor (Foto Seitenmitte), auf denen er die Manipulationsabsprachen mitgeschnitten hatte. Er behauptete doch allen Ernstes, dass er „nur zum Schein“ auf die Bestechungsversuche eingegangen sei... Dass man ihm das nicht glaubte, dass der DFB – neben den anderen Beteiligten – auch Canellas und den OFC bestrafte, das alles liegt aus Sicht der Offenbacher... na, woran wohl?...richtig, ausschließlich am Sitz des DFB. Der ist nämlich in Frankfurt, und alles was von daher kommt, ist sowieso gemein und dient nur dazu, den unschuldigen Kickers Schlechtes zu tun. Dass Canellas den Bundesliga-Skandal 1971 auch dann aufgedeckt hätte, wenn die Kickers den Klassenerhalt dank ihrer Zahlungen an Manglitz und Hertha geschafft hätten, das „glauben“ wohl nur eingefleischteste Offenbacher...

Ihre ebenso krude wie liebgewonnene Theorie – wonach der DFB bloßer Handlanger des Frankfurter Interesses sei, die aufstrebenden Kickers klein zu halten – konnten die Offenbacher 1989 zum dritten Mal (nach 1963 und 1971) herausposaunen. Denn der OFC steht nicht für den kläglichst gescheiterten Bestechungsversuch der Fußballgeschichte (samt dümmster Ausrede), sondern auch für den schlicht dämlichsten Lizenzentzug aller Zeiten:

Man schrieb das Jahr 1989. Die Kickers hatten die Zweitliga-Lizenz vom DFB nur unter Auflagen und Bedingungen erhalten; insbesondere musste bis zum 30. Juni eine Bankbürgschaft über 800.000 DM vorgelegt werden. Das OFC-Präsidium um den damaligen Präsidenten Lothar Hardt unternahm – nichts. Man vergaß es schlichtweg. Die Kickers besorgten sich keine Bankbürgschaft, geschweige denn legten sie dem DFB etwas vor. Als er dieses Malheur bemerkte, unterzeichnete Präsident Hardt schnell ein Stück Papier, schrieb oben „Bürgschaft“ drauf und brachte es zum DFB. Kleiner Schönheitsfehler: Hardt war Präsident und Privatperson, keine Bank. Selbst einem Offenbacher hätte klar sein können, dass die Hardt’sche Privatbürgschaft keine Bankbürgschaft darstellt. Als die Kickers die nun wahrlich nicht überraschende Botschaft des DFB vernahmen, dass das nicht die geforderte Bankbürgschaft sei, besorgte der Sponsor „Portas“ seinerseits eine Bankbürgschaft. Wieder konnten die Offenbacher etwas lernen, nämlich dass – erstens – der 6. Juli nach dem 30. Juni liegt und – zweitens – eine am 30. Juni abgelaufene Frist am 6. Juli nicht mehr gewahrt werden kann.

Zwei Dinge folgten hieraus, beide absolut unvermeidlich: Erstens der Zwangsabstieg der Kickers in die Regionalliga. Und zweitens das Offenbacher Geschrei über den bösen DFB aus Frankfurt, der natürlich nur, weil es gegen Offenbach war...bla, bla.. ja, klar. Sogar eine kleine Demo in der Otto-Fleck-Schneise haben Kickers-Fans damals hingekriegt, so groß war ihre Empörung.

Und so taumelt der OFC seit nunmehr 106 Jahren durch die lokale und nationale Fußballgeschichte – ohne jemals durch nennenswerte Erfolge aufgefallen zu sein. Der Verein ist genau so bieder, trostlos und grau wie die Stadt, aus der er stammt. Überregionale Beachtung findet er nur etwa alle 20 Jahre, wenn er sich mal wieder besonders dämlich angestellt hat.

Zwischen dem letzten (2003) und dem vorletzten Derby (1984) lagen mehr als 19 Jahre. Im Grunde hätte es gereicht, wenn eine solche Pokalauslosung erst 2022 wieder gekommen wäre. Andererseits muss man sehen, dass der liebe Fußballgott immer dann, wenn es gilt, den OFC nachhaltig in die Schranken zu weisen und nationale Ärgernisse zu verhindern, die Eintracht schickt. So hatten wir 1959 die Aufgabe zu verhindern, dass Offenbach Deutscher Meister wird und dann womöglich den deutschen Fußball in Europa lächerlich macht. 1970/71 mussten wir am 33. Spieltag dafür sorgen, dass die Offenbacher trotz ihrer Bestechungsversuche absteigen – sonst wäre der Bundesligaskandal nie aufgedeckt worden. 1984 sollten wir dafür sorgen, dass das letzte Erstliga-Abenteuer des OFC wieder nur ein Jahr dauert und er der Bundesliga nicht weiter zur Last fällt. 2003 hatten wir den Pokalwettbewerb rein zu halten. Und 2007? Nun ja, hier gilt es zu verhindern, dass Offenbach ins Halbfinale (und vielleicht ein Endspiel gegen Champions-League-qualifizierte Stuttgarter?) kommt. Das ist dringend; die Fünf-Jahres-Wertung ist für Deutschland schon schlecht genug. Wir haben also am 27. Februar eine echte Aufgabe zu erledigen – und der sollte die Mannschaft, bitte schön und mit Verlaub: gefälligst, nachkommen...

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