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Chris: "Normalerweise hätte ich nicht in Deutschland spielen dürfen"

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(jh) Als Chris im Herbst 2003 bei der Eintracht präsentiert wurde, ist er fast untergangen, weil gleichzeitig Andreas Möller zum dritten Mal als Neuzugang vorgestellt wurde. Doch Möller kam mit Trainer Willi Reimann nicht klar und schmiss schnell das Handtuch. Dafür ist Chris längst dienstältester Feldspieler. Auch seine hochprofessionelle Einstellung macht den Defensiv-Allrounder mit Mittelfeld-Qualitäten fast unverzichtbar. Die Frankfurter Rundschau schrieb über seine Leistung in der alten Saison: "In der Abwehr eine Bank, Herr der Lüfte, mit klasse Antizipation. Großes Kämpferherz, feiner Fußballer." Es wurde Zeit, dass wir uns endlich mal mit dem Brasilianer, der Internet-Design studiert hat und von sich sagt, immer positiv zu denken, für ein Interview zusammengesetzt haben.


Du bist in Blumenau geboren, einer 1850 von deutschen Einwandern gegründeten Stadt, einem Zentrum der deutschen Kolonisation in Santa Catarina. Dein voller Name Christian Maicon Hening könnte darauf schließen lassen, dass Du deutsche Vorfahren hast. Ist das so?

Ja, mein Ur-Ur-Ur-Großvater kommt aus Hamburg. Es ist schon ein Zufall, dass ich in Blumenau geboren wurde. Blumenau hat jetzt 400.000 Einwohner. Vor 30 Jahren haben die Leute fast nur Deutsch gesprochen.

Hast Du über Deinen Ur-Ur-Ur-Großvater noch etwas erfahren können?

Ja, ich weiß alles von ihm. Mit welchem Schiff er nach Brasilien gefahren ist, warum er gekommen ist. Sein zweiter Sohn ist auf dem Schiff geboren worden, immerhin hat die Seereise vor ungefähr 120 Jahren drei Monate gedauert. Ich weiß alles über ihn, weil ich versucht hatte, einen deutschen Pass zu beantragen.

Die Stadt liegt in einer hügeligen Landschaft, die häufig durch Überschwemmungen von bis zu 17 Metern Höhe in Mitleidenschaft gezogen wird. Eine der größten gab es 1983, als Du knapp fünf Jahre alt warst. Hast Du diese bewusst miterlebt?

Nein, das nicht. Ich wurde zwar in Blumenau geboren, aber ich habe nur in der Nähe gewohnt, und bei uns ist nichts passiert. Ich weiß aber sehr viel über die Überschwemmungen. Ich habe viel darüber gelesen.

Das 1983 nach der großen Überschwemmung als Hilfemaßnahme eingeführte Oktoberfest in Blumenau soll heute mit bis zu 600.000 Besuchern pro Jahr soll das größte Volksfest in Brasilien nach dem Karneval in Rio sein.

Ja, und keiner weiß das. Ich glaube, das ist nach München das größte Oktoberfest der Welt.

Dort bist Du dann aber häufig gewesen.

Ja klar…

…das heißt Du wusstest etwas mehr von Deutschland, bevor Du hier gekommen bist.

… außer Deutsch zu sprechen! (Chris lacht, Anm. d. Red.)

Und eines der touristischen Anziehungspunkte in Blumenau (Foto s.o.) ist ein Nachbau des Rathauses von Michelstadt im Odenwald. Und jetzt wohnst Du hier.

(erstaunter Ausruf von Chris, Anm. D. Red.)

Aus Deiner Zeit bei den brasilianischen Profiklubs ist hier in Deutschland eigentlich wenig bekannt. Botafogo, Coritiba und Internacional Porto Alegre sind Klub mit großen Namen, das ist fast alles.

Internacional hat einen großen Namen, mit denen und mit Botafogo bin ich Meister geworden. (Anm. d. Red.: dies sind regionale Staatsmeisterschaften, die neben der nationalen Meisterschaft ausgespielt werden). Bei Coritiba habe ich nur Zweite gespielt. Das war ganz schlecht für meine Karriere.

Es waren nur zwei Jahre bei diesen Klubs. Wie kam es, dass Du immer schnell weitergezogen bist?

Wenn Du gut spielst, haben größere Vereine Interesse an Dir. So ging das schnell weiter.

Wie bist Du nach Deutschland gekommen - und das ausgerechnet zum FC St. Pauli?

Das war mein Berater. Der war nicht fair mit mir…

Aber wenn Du damit schon einmal die Tür aufgestoßen hast? Immerhin konntest Du dann auf Dich aufmerksam machen. Und wenn das so schnell geht, wie zuvor in Brasilien…?

Ich war aber bei Internacional Stammspieler. Dann ist das vom Kopf her nicht so einfach. Ich habe dort (bei St. Pauli, Anm. d. Red.) nur kurz gespielt. Aber die Fans sind dort auch super.

Bei der Eintracht bist Du gut angekommen. Dann kam dieser Skandal um den parallel unterschriebenen Vertrag bei dem brasilianischen Klub Prudentópolis. Erzähle uns doch mal, wie das damals war. Denn irgendwie hat es so eine Erklärung dazu in der Öffentlichkeit nie gegeben.

Dieser Verein hat mich schon gekauft, als ich 18 Jahre alt war. Ich habe dann einen Fünfjahresvertrag unterschrieben. Wenn ich dann immer zu einem neuen Verein gekommen bin, war ich immer ausgeliehen. Normalerweise hätte ich nicht in Deutschland spielen dürfen. Ich habe aber hier einen zweiten, für mich besseren Vertrag unterschrieben. Der andere Verein wollte mich nicht verkaufen.

Die Eintracht hat nun eine Saison relativ guten Fußball gespielt, hat versucht, zu kombinieren, und damit über weite Strecken Erfolg gehabt. Allerdings fehlt noch die Konstanz, weil die Mannschaft eigentlich immer an ihre Grenzen gehen müsste, um das Optimale herauszuholen, was nicht immer alle Spieler schaffen.

(Chris lacht, Anm. d. Red.)

Du lachst…?

Jeder muss immer an die Grenze gehen. Es gibt keine schlechte Mannschaft in der 1. Liga. Wenn Du nicht aufpasst, verlierst Du!

Wie kann man die Konstanz weiter verbessern?

Wir versuchen das immer über Konzentration. Eigentlich haben wir in der Saison konstant gespielt. Nur in manchen Spielen hat bei ein paar Spielern gefehlt. Wie beim Heimspiel gegen Gladbach, in Hannover… Aber dann hat man auch mal mehr gewonnene Zweikämpfe, mehr Ballbesitz, mehr Torchancen, aber man verliert. Auch Glück gehört dazu.

Dein Landsmann Caio hat nun zweieinhalb Jahre hier gelebt und damit genug Zeit, sich anzupassen. Geht es nach der Leistung auf dem Platz, wo vereinzelt immer wieder gute oder sogar traumhafte Szenen zu sehen sind, streiten sich Fans und Presse immer wieder, ob er wirklich in der Bundesliga angekommen ist. Wie siehst Du das inzwischen?

Als er nach Deutschland gekommen ist, war es schwer für ihn, sich an alles zu gewöhnen. Er musste die europäische Kultur erst kennenlernen und es hat gedauert, bis er sich heimisch fühlte. Jetzt hat er sich akklimatisiert, und es macht ihm sehr viel Spaß hier. Ich glaube fest, dass er konstant und weiter gut spielen wird.

Und das geht auch ohne Deutschkenntnisse?

Schwer. Er muss Deutsch sprechen. Wenn Du nach Brasilien gehst, musst Du irgendwann auch Portugiesisch sprechen. Es ist besser für Dich. Er kann auch Deutsch sprechen: Fußballdeutsch! Der Trainer kann mit ihm reden. Ich bin auch schon sieben Jahre hier; ich verstehe alles, aber ein paar Worte fehlen.

Dich haben Verletzungen immer wieder zurückgeworfen, wodurch Du über die Jahre eigentlich relativ wenige Einsätze für die Eintracht hattest. Die Bandscheibe, das Innenband, eine Fußsohle, eine Schultereckgelenksprengung. Der Weg zurück war für Dich immer wieder schmerzhaft. Und auch in Rückrunde der alten Saison hast Du aufgrund Adduktoren-Problemen immer wieder Trainingstage nach eigenem Ermessen ausgelassen. Wie sehr belasten Dich solche erschwerten Bedingungen noch?

Ich gebe alles. Wäre ich nicht so häufig verletzt gewesen, hätte ich schon viele Spiele in der Champions League gemacht. Aber das gehört dazu. Wie viele Spieler bei der Eintracht haben lange Verletzungen? Zwei Jahre… Ioannis, Aleks Vasoski, Alex Meier,… So ist Fußball. Fußball ist nicht gesund. Fast alle Verletzungen kommen durch Zweikämpfe.

Aber bei der Eintracht ist es extrem.

Das kann auch passieren.

"Eigenes Ermessen" gesteht Dir der Trainer zu - das ist ein Zeichen großer Wertschätzung durch den Trainer. So wie es auch durch eine vorzeitige Vertragsanpassung mit Gehaltsaufstockung ausgedrückt wird. Und dem Vernehmen nach sollst Du Dich mit Deiner Familie in Frankfurt auch sehr wohl fühlen. Hast Du in der Eintracht "den" Klub Deines Lebens gefunden?

Im Moment schon. Die ersten zwei Jahre waren sehr schwer, auch mit der Sprache. Aber jetzt… Für die Familie ist das schwieriger - als Spieler hast Du mit dem Training immer etwas zu tun. Aber auch meine Frau fühlt sich wohl, mein Sohn wurde in Frankfurt geboren.

Wenn man sich überlegt, dass Du der dienstälteste Feldspieler im Profikader der Eintracht bist, dann hat das etwas Methusalemhaftes (Chris lacht, Anm. d. Red.), wodurch man erst recht zurückblickt. Was waren denn für Dich in Frankfurt bisher die Höhepunkte?

Das Pokalfinale gegen die Bayern und die UEFA-Pokalspiele. Die Sieg zuletzt gegen die Bayern, der 1:0-Sieg gegen die Bayern, die Siege mit sechs Toren.

Gibt es in Deiner Karriere Entscheidungen, die Du - nun mit Abstand - lieber anders gefällt hättest?

Man kann nicht nach hinten gucken. Es ist schon vorbei.

Und andere Klubs betreffend? Immerhin warst Du bei Schalke und Wolfsburg mal im Gespräch, die im Hinblick auf das internationale Geschäft in den Situationen weitaus bessere Karten hatten, als die Eintracht.

Vielleicht hätte ich um den Klassenerhalt gespielt. Wer weiß das? Im Fußball kann viel passieren. Ich mache mir darüber nicht viele Gedanken.

Also Wehmut ist nicht dabei, dass ein paar internationalen Einsätze vielleicht gefehlt haben?

Das ist das, was mir eigentlich fehlt. Ich will international spielen.

Wohin ziehst Du Dich in Frankfurt gerne zurück? Wo bist Du gerne?

Hier, bei Paolo… (Anm. d. Red.: dem Eintracht-Italiener in Neu Isenburg(

Liest Du Bücher?

Das mache ich. Viele portugiesische Bücher.

Deutsche aber nicht?

Nein, keine deutschen

Welche Musik hörst Du?

Brasilianische… SAMBA! Und Poprock aus Brasilien…

Und Du spielst selbst Gitarre? Häufiger?

Ja, das ist mein Hobby.

Jede Woche?

Jeden Tag! Jeden Tag ein bisschen! Ich muss trainieren. Wenn mein Sohn schläft, gehe ich irgendwo anders in mein Haus und spiele dort.

Und das machst Du nur für Dich alleine?

Ja, nur für mich und meine Frau.

Und Du würdest auch gar nicht vor Anderen Gitarre spielen wollen?

Uah! (Das wurde als erschreckter Ausruf gewertet, Anm. d. Red.)

Du hast jetzt noch einen Vertrag bis 2012. Dann bist Du 32, einem für Feldspieler schon hohen Alter. Was kommt dann? Kannst Du Dir vorstellen, bei der Eintracht Deine Karriere zu beenden?

Mit 32 werde ich noch topfit sein. Ballack ist 33, Zé Roberto ist 35. Ich muss mich fit halten und darf nicht neu verletzt sein, muss also Glück haben. Ich hoffe, dass das klappt. So lange wie möglich.

Auf Deiner Homepage www.chris-hening.de antwortest Du bei der Frage nach Deinem Lebensabend: "Mit meiner Familie in Brasilien. Ich würde sehr gerne mit Kindern arbeiten, vielleicht in einer Fußballschule für Kinder." Noch weiter hier in Deutschland zu leben kommt für Dich nicht in Frage?

Das ist vor drei Jahren erstellt worden. Inzwischen weiß ich es nicht. Ich fühle mich so wohl in Frankfurt. Vielleicht verlängere ich meinen Vertrag und beende hier meine Karriere, vielleicht kann ich auch in Brasilien mit Kindern arbeiten.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute!

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