Auszug aus dem Vorwort
Buch "Mehr als nur der 12. Mann"
Der Fußballfan wird gemeinhin als der „12. Mann“ bezeichnet. Vereine gehen soweit, die Rückennummer 12 nicht mehr zu vergeben, weil sie der eigenen Fankurve vorbehalten ist. In erster Linie nimmt man sie als stimmgewaltige Unterstützung der Mannschaften in den Stadien wahr, doch um die wahre Vielfalt des Wirkens der Fanszene erfassen zu können, muss man einen tieferen Einblick in sie nehmen. Wer dies tut, wird erstaunt sein, was es alles in dem Mikrokosmos Fanszene anzutreffen gibt; selbst AnhängerInnen, die sich unbestritten und zurecht als szeneerfahren einschätzen, werden noch die eine oder andere Entdeckung machen können.
Am Beispiel der Fanszene von Eintracht Frankfurt wird in diesem Buch deutlich, auf welches erstaunliche Spektrum an Aktivitäten man treffen kann, setzt man sich wirklich einmal damit auseinander. Die Gründe, weshalb ausgerechnet die Eintracht-Fanszene als Beispiel dient, liegen nicht nur darin, dass ich selbst aus dieser Szene stamme und auch seit 1994 als Redakteur der Fanzeitung „Fan geht vor“ intensive Einblicke nehmen kann und damit auch automatisch viele Ansprechpartner für dieses Projekt hatte, wobei ich mir auch heute nicht anmaßen würde, mich überall auszukennen. Ein wesentlicher Grund ist die Besonderheit dieser Fanszene, die nicht nur laut, emotional, heimatverbunden und leidensfähig ist, sondern eben auch gebildet, sehr einfallsreich und vor allem so erstaunlich vielfältig in ihrem Wirken. Vermutlich könnte es keine bessere Wahl für dieses Projekt geben.
Mit diesem Buch möchte ich die Eintracht-Fanszene aber gleichzeitig auch für das Besondere, was sie ist, würdigen und Danke sagen. Ohne die Möglichkeiten, die sich auch mir über die Jahre in dieser Szene geboten haben, hätte ich wohl kaum meiner Leidenschaft in der umgesetzten Weise nachkommen können, Eintracht-Historie und Fanthemen aufzuarbeiten und in ansprechender Art zu veröffentlichen.
Bedanken möchte ich mich auch beim AGON Sportverlag für das Vertrauen in dieses Buchprojekt, das zwar mit kleinerer Auflage realisiert wurde, aber sehr zeitintensiv war. So habe ich mich mit über 50 Fans über ihr Wirken und ihr Fanleben ausgetauscht. Dabei habe ich sie zunächst zu ihrem speziellen Engagement und ihren besonderen Situationen befragt, bis aber auch Fragen allgemeiner Art hinzukamen, die ich allen Personen gleichermaßen gestellt habe. Mit dem letzten Fragenkomplex habe ich mir weitere interessante Einblicke erhofft, die auch reizvolle Vergleiche unter der Fans ermöglichen und der Betrachtung zusätzlich auch eine noch persönlichere Note geben.
Bei diesem Buch geht es mir aber keinesfalls darum, einzelne Personen durch Text oder Foto in den Vordergrund zu stellen; ich möchte die unglaubliche Vielfalt dieser aktiven Fanszene darstellen – mit einzelnen Fans als Beispiel dafür. Dabei stehen die AnhängerInnen, derer ich mich hier „bediene“, häufig für viele andere, die stattdessen genauso als Beispiel genannt hätten werden können. Als extremsten Fall sei an dieser Stelle auf die Ultras hingewiesen, den es mit ihrer Kreativität in Gesang, am Gestalten von Fahnen und Transparenten sowie in der Vorbereitung und Durchführung von Choreographien in großer Zahl gibt, die aber auch „nur“ einen Aspekt darstellen. So mögen in diesem Buch scheinbar relativ wenige dem Ultras-Bereich zuzuordnende Fans exemplarisch befragt worden sein, wenn man den großen Anteil in der Fankurve im Hinterkopf hat; jedoch geht es hier darum, die Bandbreite darzustellen und nicht eine gleiche Ausprägung mehrmals.
Auch wenn ich überzeugt bin, dass es bei diesem Buchprojekt reizvoller gewesen wäre, die verschiedenen Aktivitäten und Interviews in bunt gemischter Reihenfolge zu lesen, so bin ich dennoch der grundsätzlichen Erwartung, die man als Leser hat, gefolgt, wonach eine thematische Struktur gegeben ist. Zwischen den Kapiteln finden sich Fotogalerien, in denen Fans – ebenso stellvertretend für alle anderen – abgelichtet sind, und als „Einwürfe“ betitelte Abstecher in die Welten der Fans, die sich mit Aberglaube, Ritualen, Pech und Pannen sowie der Konfrontation mit nicht an der Eintracht interessierten Personen, aber auch der Selbsteinschätzung der Szene auseinandersetzen. Dabei handelt es sich um Ergebnisse, die aus den letzten drei Jahresumfragen von „Fan geht vor“ unter den Eintracht-AnhängerInnen stammen. Somit hatte sogar jeder Fan die Gelegenheit, zu diesem Buch seinen persönlichen Beitrag zu liefern.
Durch den Weg, wie ich das Thema aufgegriffen habe, ist auch sichergestellt, dass ich einem seit vielen Jahren angedachten, mehrmals angekündigten, aber genau so lange eben auch nicht umgesetzten Fanszene-Buchprojekt von mehreren anderen Fans (die auch alle in diesem Buch zur Sprache kommen) nicht vorgreife – die Konzepte inklusive Präsentationsstil sind zu unterschiedlich. Wobei die Geschichte und Entwicklung der Fanszene mit der Schilderung von Erlebnishöhepunkten, wie sie bei dem anderen Projekt aufgegriffen werden sollte, kein Ziel dieses Buches ist.
Anmerken möchte ich noch, dass ich auf eine originalgetreue Wiedergabe der Wortlaute aus den Gesprächen mit den befragten Fans Wert gelegt habe, wodurch auch eine gewisse Lebendigkeit nicht verloren geht.
Nun genug der Vorworte. Ich wünsche eine angenehme Lektüre zu dieser begeisternden Vielfalt in der Fanszene!